Mittwoch, 5. Oktober 2011

Für mehr Mut, zu neuen Ufern aufzubrechen

Was Michael Jackson mit Dionysos zu tun hat


Die philosophische Beraterin Rebekka Reinhard über „Odysseus oder die Kunst des Irrens“

Wer Rebekka Reinhard kennt, weiß um ihre verblüffenden Provokationen. Nach jeder Lektüre ihrer Bücher (Die Sinn-Diät, Würde Platon Prada tragen?) bleibt ein Staunen über ihre ver-rückte Sicht des Lebens zurück. Sie sprengt wie einst Reinhard Sprenger in einem anderen Genre fest gefügte Denkmuster auf eine erfrischend freche und dennoch kluge, philosophische Weise. Ihr Spagat zwischen der Antike mit all ihren griechischen Gottheiten und der Neuzeit mit Internet, Facebook und Twitter gelingt. Sehr unterhaltsam sogar. Denn in ihrem neuesten Buch mit Untertitel „Philosophische Anstiftung zur Neugier“ treibt sei den Leser zum Ungehorsam.
Im Gegensatz zu den USA haben wir in Deutschland keine positive Kultur des Scheiterns und des Neuaufbruchs. Absichern durch einen festen Job, allerlei Versicherungen, eine Ehe und ein eigenes Heim lautet die Devise. Das führt dazu, dass Gefahren auf Teufel komm heraus vermieden werden. Nur selten wird Courage auch öffentlich belohnt wie beim XY-Preis des Fernsehens. Ansonsten kritisiert Rebekka Reinhard, wie Dominik Brunner eher noch post mortem von einigen Medien für seinen Mut gemaßregelt wurde. Selber schuld, wenn sich einer in Gefahr begibt.
„Das Leben besteht nun einmal nicht aus Einzelteilen, sondern aus Herausforderungen“, schreibt die Autorin. Anschaulich begibt sie sich zurück in die Welt des sagenumwobenen Odysseus, der zehn Jahre lang auf See umherirrte und niemals sein Zuhause vergaß. Er konnte andere durch eine andere Identität verwirren, weil er sich seiner eigenen Persönlichkeit bewusst war. Die Begegnung mit dem Ungeheuer, einem Zyklopen, machte ihn stark. Er kannte keine Angst vor dem Andersartigen. Odysseus blieb immer er selbst.Die Verfasserin gibt den Tipp: „Seid neugierig auf das Fremde, um euch selbst besser kennen zu lernen, auch wenn es zehn Jahre dauern sollte.“
Auf dem Weg in eine neue Welt können wir die Orientierung verlieren, aber auch neuen Phänomenen begegnen. Mit Dionysos vergleicht Rebekka Reinhard den Mega-Popstar Michael Jackson. Als Kind war er ein Erwachsener. Als Erwachsener ein Kind. Und als Wohltäter ein Bösewicht. Er war exzentrisch, hochtalentiert, Tabletten süchtig und stets an Grenzüberschreitungen interessiert. Niemals richtig greifbar oder etikettierbar. Dionysos war ebenfalls undurchsichtig. Zweimal geboren, halb diesseits, halb jenseits. Mal sanft wie eine Frau, mal wild wie der Wein, den er schuf. Mit langen Haaren und weiblichen Gesten trat er auf. Er eroberte Asien und ließ Frauen verrückt werden, weil die Thebaner seine Göttlichkeit nicht anerkannten. An beiden sehen wir: auch wir sind bei direktem Hinsehen nicht immer konform oder vernünftig. Wir beten, obwohl wir nicht gläubig sind, haben Kurzschlussreaktionen, die wir nicht verstehen. Dennoch schütteln wir den Kopf über „Kuriositäten“ wie Michael Jackson. „Er ist wie Dionysos ein herausragender Illusionist“, konstatiert die Autorin.
Im Kapitel über Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, führt Rebekka Reinhard das Internet als Vergleich an. Wer will nicht ein Star sein, mindestens bei Facebook oder Twitter und sich selbst bespiegeln? Da es keinen Götterhimmel mehr gäbe, glauben wir an uns selbst. Weg von der Selbstverliebtheit lautet die Antwort von Rebekka Reinhard zu diesem Thema.
Das Buch ist ein flott verfasster Ratgeber mit historischen Weisheiten und modernen Parallelen und legt den Finger in so manch offene Wunde.  
© Corinna S. Heyn


Rebekka Reinhard,
Odysseus oder die Kunst des Irrens.
Philosophische Anstiftung zur Neugier.
Ludwig 2011